ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: April 2019

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ZOE vom 15.04.2019, Heft 02, Seite 118, ZOE1300720
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Die Startup-Lüge

Dr. Brigitte Winkler

Dr. Brigitte Winkler (BW), Redakteurin der OrganisationsEntwicklung, Geschäftsführende Partnerin von A47 Consulting in München

E-Mail: brigitte.winkler@a47-consulting.de

Jochen Kalka, Die Startup-Lüge, Wie die Existenzgründungseuphorie missbraucht wird – und wer davon profitiert., Econ 2019, 220 Seiten, Euro 180

«In den vergangenen Jahren ist es eine richtige Modeerscheinung geworden, ins Silicon Valley zu reisen. Diese Ausflüge erinnern an Butterfahrten mit Heizdeckenverkauf für ängstliche Manager, die die Angst in sich spüren, den Anschluss zu verlieren.»

Es ist bereichernd, wenn Bücher erscheinen, die populäre Trends auf ihre Substanz überprüfen. Jochen Kalka, Chefredakteur aller Titel der Werben & Verkaufen GmbH, setzt sich in diesem Buch mit sämtlichen romantischen Vorstellungen zur Arbeitswelt von Startups kritisch auseinander. Zudem warnt er Führungskräfte etablierter Unternehmen davor, unreflektiert die typischen Merkmale einer Startup-Kultur die eigene Organisation übertragen zu wollen, ohne damit verbundene Fakten und Folgeeffekte zu berücksichtigen (siehe auch «Jubel, Trubel, Insolvenz. Wider einer Verherrlichung von Startups» – ZOE 1/18 «Rebellen im Palast», hbfm.link/jubel).

In zwölf Kapiteln demaskiert Kalka gängige Vorstellungen zur Startup-Welt, indem er den Behauptungen über deren faszinierende Attraktivität die ungeschminkte Faktenlage gegenüberstellt. So wird dem Leser in den auch als Lügen benannten Kapiteln beispielhaft vor Augen geführt, warum die verbreiteten Annahmen «Startups sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor» (Kapitel Erste Lüge), «Das Silicon Valley ist der neue Garten Eden» (Kapitel Dritte Lüge), «Startups sind coole Arbeitgeber» (Kapitel Siebte Lüge) oder «Scheitern ist gut» (Kapitel Elfte Lüge) so nicht haltbar sind.

Interessant sind die umfangreichen Recherchen des Autors, die aus einer Analyse von statistischen Daten und Berichten, Veröffentlichungen zu und von Helden der Startup-Szene sowie aus sehr illustrativen Berichten eigener Vor-Ort Beobachtungen bestehen. Unterhaltsam und informativ schildert der Autor Eindrücke seiner Reisen in die Startup-Hochburgen Silicon Valley und Tokio und der dort praktizierten Herangehensweisen an Innovationen.

Zugegeben, das Buch ist provokant und teilweise zugespitzt geschrieben. Mit fortschreitender Kapitellektüre und der unweigerlich stattfindenden Desillusionierung des Lesers entsteht der Eindruck, dass sich der Autor zunehmend in Rage schreibt. Wenn er z. B. im Unterkapitel «Bewerbung für das Bällebad» den Bewerbungsprozess einer Mitfünfzigerin als «Head of Communication» beschreibt, liest man Sätze wie «Wer sich bei einem Startup bewirbt, muss genau diese oberflächlichen Dinge wie das Duzen oder das Tragen von Sneakers dringend beachten. Je oberflächlicher, je mainstreamiger, desto mehr » (S. 125). Ironisch geschrieben, bleibt dem Leser das Lachen im Hals stecken. Denn der Autor arbeitet fundiert heraus, warum die Logiken von Startup-Welt und etablierter Unternehmen auf einem grundverschiedenen Geschäftsverständnis basieren und nicht gut zusammenpassen. Im abschließenden Kapitel «Die Wahrheit: Es ist nicht alles Lüge», das fast ein wenig kurz ausfällt, wird es doch noch versöhnlich und der Autor zeigt auf, wie die positive Energie von Startups gefördert und von etablierten Unternehmen genutzt werden kann.

Ich habe das Buch gerade wegen seiner Kombination aus gut recherchierter inhaltlicher Substanz und unterhaltsam-ironischem Schreibstil gerne gelesen. Es eignet sich hervorragend für Leser, die mehr über die Mechanismen und Glaubenssätze der Startup-Szene erfahren wollen. Zudem ist es eine erhellende Lektüre für alle Führungskräfte der «Old Economy», die sich mehr Startup-Mentalität im eigenen Unternehmen wünschen oder die immer wieder mit dahingesagten Startup Buzz-Words ihrer Vorgesetzten und deren Beratern konfrontiert sind. (BW)

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