ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: April 2019

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ZOE vom 15.04.2019, Heft 02, Seite 115 - 116, ZOE1300712
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Experten führen

Dr. Stefan Teufl

Dr. Stefan Teufl (ST), Head Learning & Development in einer Bank. Schwerpunkte: Personal- und Organisationsentwicklung, interne Organisationsberatung

E-Mail: stefan.teufl@unicreditgroup.at

Peter Kels/Stephanie Kaudela-Baum (Hrsg.), Experten führen, Modelle, Ideen und Praktiken für die Organisations- und Führungsentwicklung. Springer Gabler 2019, 464 Seiten, Euro 59.99, E-Book: Euro 39.99

«Der Experte verknüpft beide Ränder des Wissens – das Generelle des Einzelfalls und den Einzelfall des Generellen – in die Einheit seines Wissens, und genau das macht ihn zu dem, was er ist: ein Experte.»

Ein altes Bonmot besagt «Experten sind Leute, die andere daran hindern, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen». Der Herausgeberband «Experten führen» – so der janusköpfige Titel – taucht tief der Frage nach, wie sich Spezialisten in wissensintensiven Organisationen wirkungsvoll führen lassen… oder sich eben doch lieber selber führen? Schon der erste haptische und optische Eindruck des Bandes vermittelt Respekt und Professionalität: über 450 Seiten ergeben ca. 1 kg Buchumfang, 21 Beiträge von 27 Autoren verfasst. So viel kann vorweggenommen werden: das Buch ist trotz des noblen Umfangs wirklich ein Gewinn. Beinahe alle Artikel sind lesenswert. In der Einführung (Teil 1) geht es um Grundlegendes: Was zeichnet eigentlich einen «typischen» Experten aus? Expertise gründet in Wissen, beruht auf einen kontinuierlichen Lernprozess, ist fachspezifisch und baut man durch langjährige Erfahrung auf. Weiter orientieren Experten ihre Leistungen an professionellen Standards, mit einem hohen Maß an Selbständigkeit und – so die fast durchgängige Hypothese im Buch – entziehen sich meist der direkten Kontrolle und Beurteilung durch das Management. Hieraus resultiert eine ausgeprägte Autonomie und Hierarchieaversion dieser Spezies. Somit stehen Führungskräfte in Expertenorganisationen vor besonderen Herausforderungen. Es geht darum eine Managementkultur und Führungspraxis («both/and leadership») zu etablieren, welche die Leistungsbereitschaft, das sogenannte Organizational Commitment, als auch die Veränderungsbereitschaft ihrer Experten sicherstellt. Noch dazu vor dem Hintergrund, dass sich in vielen Professional Service Organisations (z. B. Beratungsunternehmen) in der jüngeren Vergangenheit Hybridformen zwischen Experten und Managern herausgebildet haben, wie beispielsweise «Versatilisten». Ähnlich «Hybrid Professionals» (= hoch qualifizierte Professionals mit mehreren Arbeitsengagements), oder «T-shaped-Professionals» (= Mischung aus Spezialist und Generalist) unterscheiden sich in ihrem Rollen- und Karriereverständnis und ihrer beruflichen Identität von klassischen Experten. Ihr Verständnis ist jenes eines internen Unternehmers, der fortlaufend neue Herausforderungen annimmt, kompetent mit Marktturbulenzen umgeht und dem eigenen Team zum Erfolg hilft. Teil zwei liefert viele Praxiseinblicke wie Experten in unterschiedlichen Führungskontexten geführt werden (zum Beispiel an Hochschulen oder Spitälern). Die allesamt inspirierenden Beiträge in Teil drei beleuchten grundlegende Gestaltungsfelder einer gelingenden Führung und Entwicklung von Experten. Beispielhaft der Artikel «Welche Weiterbildung brauchen Experten», anhand der klassischen aristotelischen Dreiteilung des Expertenwissens (poiesis, praxis, episteme). Ebenso der Beitrag «Konfliktmanagement – zwischen Thematisieren und Dethematisierung» zeigt sehr einleuchtend, dass die Bearbeitung von instabilen Beziehungen ins Pflichtenheft von Führungskräften gehört. Bleiben Konflikte verdeckt im organisationalen System, dann schwelen diese als sogenannte «kalte Konflikte» weiter und treten auf höherer Eskalationsstufe auf. Schlussendlich der schöne Beitrag über den Lebenssinn von hochqualifizierten Portfolioarbeitenden anhand des spirituellen japanischen Konzepts «Ikigai». Im Teil vier entwickeln die beiden Herausgeber ein integrales Modell der Führung von Experten. Zusammenfassend ist es das erste deutschsprachige Buch, das empirisch fundiert und praxisnah ein breites Spektrum an Expertenorganisationen beleuchtet. Wieder ein hervorragender Band aus der Uniscope Reihe der SGO Stiftung! (ST)

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