ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: April 2019

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ZOE vom 15.04.2019, Heft 02, Seite 113, ZOE1300704
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Beratung zwischen Tür und Angel

Elizabeth Kandziora

Elizabeth Kandziora (EK), Geschäftsführerin der Beratungsfirma panama Systemische Supervision, Coaching und Organisa- tionsberatung Hannover und Braunschweig

E-Mail: info@e-kandziora.de

Heino Hollstein-Brinkmann/Maria Kalb, Beratung zwischen Tür und Angel, Professionalisierung von Beratung in offenen Settings, Springer 2016, 232 Seiten, Euro 34.99, E-Book: Euro 26.99

«In der Unbestimmtheit der ersten Annäherung in einer Tür-und-Angel- Situation lassen sich bereits Merkmale typischer Konstellationen erkennen.»

Beratungstheorien beschreiben geregelte Formen der Interaktion zwischen Ratsuchenden und professionellen Fachkräften, die auch die Form des Beratungssettings einschließt. Die Struktur von Inhalten, Form und Zeit ist für beide Seiten absehbar. In Tür-und Angelgesprächen fehlt sie in der Regel. Aber gerade psychosoziale Arbeitskontexte beinhalten häufig diese wenig formalisierten, diffusen Begegnungsräume und –gelegenheiten mit «Hast du mal 5 Minuten Zeit?» «Kann ich dich mal kurz sprechen?» Es ist nicht planbar, wie komplex sich die Ansprache zwischen Tür und Angel herausstellen wird: Soll es ein noch ungeregelter Anfang eines Beratungsgespräches sein? Ist eine günstige Gesprächsgelegenheit genutzt worden, die beabsichtigt im Ungefähren bleiben soll? Geht es um einen kurzen Hinweis oder eine Absprache?

Die Herausgeber/innen Heino Hollstein-Brinkmann und Maria Kalb lehren an den Ev. Hochschulen Darmstadt und Ludwigsburg im Fachbereich Soziale Arbeit. Die bekannte Metapher: ‘zwischen Tür und Angel’ verweist auf das Flüchtige, Beiläufige, das Uneindeutige und Übereilte; auf die fehlende Zeit – so definieren sie Beratung im offenen Setting. Professionelle Gesprächsabläufe wie die Klärung des Auftrages, des Überweisungskontextes, der Motivation bis hin zu einem möglichen Kontrakt bleiben unbestimmt. Aus Sicht der Beraterin kommt es in diesen Begegnungen oft nicht zum (eigentlichen) Kern und wird daher leicht aus einer negativen («Opfer»-)Perspektive als unzulänglich oder unvollständig erlebt.

Das große Verdienst dieses Buches ist es, jene Gesprächssituationen ressourcenorientiert zu betrachten. Dazu ein Zitat: «Worin liegen die Vorteile solcher Begegnungen und Inszenierungen für Ratsuchende und Fachkräfte und sind solche offenen Situationen und wenig strukturierte Begegnungsmöglichkeiten nicht sogar eine für verschiedene AdressatInnen eine besonders angemessene Form des Angebotes?».

Die Herausgeber/innen plädieren für eine große Vielfalt in der Ausgestaltung dieser Settings, man könnte sagen, sie verlocken dazu, sich aus der massiv unterbewerteten Beratungsform «Tür-und-Angel» von der «Opfer»- hin zur «Täterperspektive» zu bewegen.

Offenheit und Uneindeutigkeit kann als eine wesentliche Qualität dieses Settings angesehen werden und erfordert von der professionellen Fachkraft weniger die Anwendung von (Gesprächs-)Techniken, … «sondern das Aushalten und reflexive Umgehen mit einer hohen Rollenunsicherheit sowie ein ad hoc zu entwickelndes, der Situation angemessenes Handeln…» Das ist sehr anspruchsvoll und vielfach komplexer als eine definierte geregelte Beratungssituation.

Die von den Autor/innen herausgearbeiteten Möglichkeiten und Perspektiven zeigen, welche guten Gründe Ratsuchende bewegen, genau dieses Setting zur Kontaktaufnahme zu wählen. Und sie zeigen, dass methodisch mehr möglich ist, als vielleicht zunächst gedacht.

Besonders eindrucksvoll finde ich in diesem Zusammenhang das von Lohse entwickelte Konzept des Seelsorgerischen Kurzgespräches. Und auch die von Michaela Kaczor angeregte «Beratung im Gehen» befreit aus den vermeintlichen Fesseln von Tür und Angel und ist unbedingt nachahmenswert. (EK)

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