ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: April 2019

In 'Meine Akten' einfügen

ZOE vom 15.04.2019, Heft 02, Seite 112 - 113, ZOE1300702
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Führung lernen

Prof. Dr. Joachim Freimuth

Prof.Dr. Joachim Freimuth (JF), selbst. Berater, Trainer und Coach. Schwerpunkte: Veränderungsmanagement, Führung, Konfliktmoderation, Human Resource Management

E-Mail: joachim.freimuth@t-online.de

Stephanie Kaudela-Baum/Erik Nagel/Paul Bürkler/Verena Glanzmann (Hrsg.), Führung lernen, Fallstudien zu Führung, Personalmanagement und Organisation, Springer Gabler 2018, 2. Auflage, 303 Seiten, Euro 54.99, E-Book: Euro 42.99

«Das eigene Denken und Handeln zum Gegenstand des Nachdenkens machen»

Die Grundausbildung zur Führungskraft besteht im deutschsprachigen Raum aus einem betriebswirtschaftlichen Studium, allerdings mit dem großen Haken, dass Führung dort nicht wirklich gelernt wird. Die Perspektive ist in betriebliche Funktionen zersplittert, es fehlt die systematische Entwicklung von Urteils- und Handlungsfähigkeit in komplexen und fluiden Situationen. Im angelsächsischen Sprachraum existiert hingegen seit Jahrzehnten eine ausgeprägte Fallstudien-Kultur, in der Lernende aufgefordert werden, in den Führungsalltag gleichsam einzutauchen, wie die Herausgeber des vorliegenden Bandes betonen. Diese pädagogische Lücke wollen sie für den deutschsprachigen Raum schließen, was aus meiner Sicht sehr gut gelungen ist.

Der Kern des Bandes besteht aus 60 Fallstudien, gegliedert in Führung und individuelles Verhalten, Team-Führung, Führung im Wandel, Führung im interkulturellen Kontext, Führung und Verantwortung sowie Führung von Experten. Die Fälle stammen aus unterschiedlichen Organisationen, privatwirtschaftliche Unternehmen, öffentliche Betriebe und NPO.

Die Fälle werden jeweils auf wenigen Seiten beschrieben, danach findet der Leser didaktische Anmerkungen zum Einsatz des Falles in Lernkontexten sowie eine Reihe von hilfreichen Leitfragen für die konkrete Fallbearbeitung, die ca. 60 – 90 Minuten umfasst. Die Fälle lassen sich somit in ganz unterschiedlichen Situationen verwenden, als Ergänzung zur Vorlesung, in Seminaren oder in Assessments. Das Spektrum der dargebotenen Themen ist außerordentlich breit und reflektiert das praktische Erfahrungswissen der Autoren.

Die Autoren legen dar, dass jeder Fall, so wie die Führungsrealität ja selber auch, seine jeweilige Besonderheit hat, die es zu erfassen gilt. Zugleich existieren aber immer Muster und Parallelitäten zu anderen Situationen, so dass aus dem Einzelfall allgemeine Lehren gezogen bzw. Modelle oder Konzepte angewendet werden können. Schließlich kommt es drittens darauf an, den Kontext der Themenstellung in den Blick zu nehmen und Zusammenhänge zu verstehen. So wird ein Transfer der Erkenntnisse möglich und so ziehen die Akteure aus der Bearbeitung der Fälle einen unmittelbaren Nutzen für ihre Praxis.

Einleitend erläutern die Autoren, worum es ihnen konzeptionell geht und vor allem ob bzw. wie man Führung lernen kann. Den Schlüssel sehen sie in der Auseinandersetzung mit sich selber, die Entwicklung von Reflexivität, die Fähigkeit, «das eigene Denken und Handeln zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen». Dabei kommt es zu Denkfiguren, wie etwa: «Liege ich da wirklich richtig, ... Könnte es nicht auch sein, dass…», die innovative Perspektiven eröffnen. Urteils- und Handlungsfähigkeit in der Führungsrolle entstehen nicht zuletzt durch die metaphorische bzw. narrative Form von Fallgeschichten.

Das Buch ist sehr empfehlenswert. Es richtet sich vornehmlich an Kolleginnen und Kollegen, die in der Ausbildung, Diagnostik, Qualifizierung und Entwicklung von Führungskompetenz unterwegs sind. (JF)

Top