ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: April 2019

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ZOE vom 15.04.2019, Heft 02, Seite 111, ZOE1300701
OrganisationsEntwicklung > Perspektiven > Aufsatz

Berufstätigkeit und Angehörigenpflege in KMU

In einer explorativen Studie der Ostfalia Hochschule, Campus Wolfsburg, wurden Unternehmensverantwortliche in 13 kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Region Wolfsburg mit insgesamt ca. 2000 Beschäftigten zur Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Berufstätigkeit interviewt. Gleichzeitig nahmen Beschäftigte, welche gleichzeitig pflegende Angehörige waren, an zwei Workshops teil. In diesen wurden ihre Bedarfe für eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit identifiziert. Generell zeigten sich die Unternehmensverantwortlichen oberflächlich für die Problematik sensibilisiert:

Hauptsächlich bestehen informelle Regelungen zur besseren Vereinbarung. Wenn es formelle Regelungen gibt, bezogen sich diese auf Beschäftigte mit kleinen Kindern. Primär steht die flexible Unternehmensführung im Vordergrund. Daher besteht eine eher reservierte Einstellung zu formellen Betriebsvereinbarungen für eine bessere Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Berufstätigkeit. Es gibt keine Bemühungen, innerbetrieblich Daten zu erheben, um ein genaueres Bild über Beschäftigte, die gleichzeitig ihre pflegebedürftigen Angehörigen versorgen, zu erhalten.

Für die Beschäftigten hingegen sind flexible und verlässliche Arbeitszeitregelungen zur Organisation der Pflege wichtig. Hauptsächlich verbrauchen sie hierzu ihre Urlaubstage und damit ihre Erholungsressourcen. Dies kann langfristig zu einer Überlastung der Betroffenen durch die mit der Berufstätigkeit konkurrierende Pflegeverpflichtung führen. Auch die Tätigkeitsart im Unternehmen selbst wirkte sich auf die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Angehörigenpflege aus. Besonders kundennahe Dienstleistungstätigkeiten bildeten ein Vereinbarkeitshindernis. Zudem wird von einer Angebotsverknappung im Pflegebereich berichtet. Häufig konnten Pflegedienste oder Kurzzeitpflegeplätze nicht mehr oder nur in letzter Minute in Anspruch genommen werden.

Damit ergeben sich zwei Problemlagen: Zum einen wird ein immer drängender werdendes Problem weitestgehend ignoriert. In der Wahrnehmung der Unternehmensverantwortlichen hat stattdessen die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf eine höhere Priorität. Neben dieser Ignoranz besteht ein Problem verlässlicher Auffangstrukturen. Diese könnten die Beschäftigten zumindest in der Koordination der Angehörigenpflege unterstützen. Beide Problemlagen machen die Einführung von «pflegefreundlichen» Organisationsabläufen erforderlich, mit denen die Arbeitskraft dem jeweiligen Unternehmen erhalten bleibt. Dies ist gerade für KMU, die im vorliegenden Fall in regionaler Konkurrenz um Arbeitskräfte mit einem großen Automobilhersteller stehen, überlebensnotwendig. Auf jeden Fall wird hier ein herausforderndes Arbeitsfeld für Organisationsentwickler_innen sichtbar.

Zuerst kann hier an die Implementierung einer pflegefreundlichen Unternehmenskultur mit dazugehöriger Auffangstruktur gedacht werden. Wichtig wäre es hier, die Bedarfslagen für Unternehmensverantwortliche sichtbar zu machen. Dies ist jedoch ohne die Konzeption von geeigneten Strategien nicht möglich. In einem weiteren Schritt gilt es, belastbare Betriebsvereinbarungen zu initiieren und die Beschäftigten zu ermutigen, diese auch zu nutzen.

André Heitmann-Möller, Wiss. Mitarb., Ostfalia Hochschule, Fak. Gesundheitswesen, a.heitmann-moeller@ostfalia.de

Prof. Dr. habil. Martina Hasseler, Univ. Heidelberg, Med. Fakultät, martina.hasseler@uni-heidelberg.de

Sven-Nelson Ruppert, Wiss. Mitarb., Univ. Heidelberg, Med. Fakultät, sven.ruppert@med.uni-heidelberg.de

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