ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: Januar 2019

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ZOE vom 15.01.2019, Heft 01, Seite 120 - 121, ZOE1290893
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Meet Up!

Philipp Lüninghöner

Philipp Lüninghöner (PL), Organisationsberater, Kompetenzcenter Veränderungsmanagement Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

E-Mail: philipp_lueninghoener@yahoo.de

Martin J. Eppler/Sebastian Kernbach, Meet Up!, Einfach bessere Besprechungen durch Nudging. Ein Impulsbuch für Leiter, Moderatoren und Teilnehmer von Sitzungen, Schäffer-Poeschel 2018, 144 Seiten, Euro 19.95

«Da viele von uns einen Großteil der Arbeitswoche in Besprechungen verbringen, sollten wir diese wichtige (Lebens-) Zeit produktiv und positiv gestalten.»

Nudges, das sind kleine Schubser oder Anstöße durch Veränderungen von Rahmenbedingungen oder Prozessen. Ohne Zwang bringen sie uns dazu, uns im gewünschten Sinne anders zu verhalten. Ist der Standard für Besprechungen auf 45 Minuten statt einer Stunde eingestellt oder steht auf dem Sitzungstisch eine große Uhr, führt das nachweisbar zu kürzeren Meetings.

Martin Eppler und Sebastian Kernbach nutzen diesen Ansatz in ihrem Buch erstmals umfassend für die Verbesserung von Besprechungen. Viele Sitzungsteilnehmer bewerten diese als unproduktiv. Für manche ist die beste Besprechung gleich diejenige, die gar nicht erst stattfindet. Gegen diese pauschale Verurteilung wenden sich die Autoren allerdings: «Wir glauben an das gewaltige Potenzial, das entsteht, wenn man zielgerichtet zusammen denkt.» Ihr Buch ist damit ein durch und durch positives, das anregen und dabei helfen soll, die Chancen zu nutzen, die aus gut gestalteten Meetings erwachsen.

Auf Grundlage ihrer Forschungs- und Beratungsarbeit beschreiben Eppler und Kernbach vier Schlüsselfaktoren: Gute Meetings funktionieren, indem sie auf das Wesentliche fokussieren, durch eine klare Gesprächsnavigation Orientierung schaffen, die Teilnehmenden involvieren und sie zur Übernahme von Verantwortung verpflichten. Ihr Modell nutzen sie für die gegliederte Darstellung von 100 Nudges, bei denen es etwa (zum Thema Fokus) um weniger, kürzere und kleinere Meetings und um deren konzentrierte Durchführung geht. Es lässt sich zudem als Diagnoseinstrument und zur Entwicklung eigener Meeting-Nudges verwenden.

Die Sammlung umfasst bekannte und inzwischen recht verbreitete Interventionen, wie eine sichtbare Agenda mit Zeit‐ZOE 01/2019 S. 121angaben oder die Einführung sitzungsfreier Tage, aber auch überraschende Vorschläge wie die Erkenntnis, dass Teddybären im Sitzungsraum zu einem konstruktiveren Verhalten führen. Einige Nudges beschreiben alternative Vorgehensweisen oder Prozesse. So führt beispielsweise ein Brainstorming in den Schritten «Think-Pair-Share», bei dem die Beteiligten erst für sich arbeiten und sich dann zunächst zu zweit austauschen, dazu, dass auch originelle Ideen und Vorschläge von eher zurückhaltenden Personen zutage gefördert werden. Andere Nudges verändern die Infrastruktur von Besprechungen, etwa indem eine Ladestation am Eingang dazu einlädt, die Handys zur Seite zu legen.

Eppler und Kernbach empfehlen, solche Nudges zunächst einmal selbst auszuprobieren, um sie einschätzen, vermitteln und anpassen zu können. Auch die Anschlussfähigkeit an die bestehende Unternehmenskultur sollte sicherlich beachtet werden, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Das Buch ist oft eher Ideengeber als Anleitung, die Darstellung der Nudges fällt häufig knapp aus. Für OE-interessierte LeserInnen ist es immer dort besonders nützlich, wo es praktische Hinweise zur Anwendung enthält oder in die Tiefe geht, um die Wirkweise der vorgeschlagenen Interventionen offenzulegen.

Spaß macht «Meet Up!» aber auch deswegen, weil die Autoren ihre eigenen Inhalte sichtbar leben. Das führt zu zahlreichen Lesehinweisen und damit einer fast schon Überstrukturierung des eigentlich gut verständlichen Textes (und gerne mal zu etwas hipperen Begriffen wie «Dotmocracy» für das Abstimmen mit Klebepunkten). Aber wirklich nützlich ist, dass sie ihre Leser aus dieser Haltung heraus beständig «anschubsen», die neu gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden und in ihre Meeting-Realität zu übertragen. So endet jedes Kapitel mit einer Liste der dargestellten Nudges (Orientierung), in der man nur noch ankreuzen muss (Involvierung), ob man diese Methode «ab jetzt immer» testweise oder «vielleicht später» einmal anwenden möchte (Verpflichtung) – natürlich verbunden mit dem Hinweis, sich besser nicht zu viel vorzunehmen (Fokus). Auch die zahlreichen Visualisierungen und Grafiken sind hilfreich und erleichtern Verständnis und Anwendung.

Dies alles macht «Meet Up!» zu einem nützlichen Buch, das viele Anstöße gibt und Lust macht, neue Wege auszuprobieren – unabhängig davon, ob man bisher eher in der Rolle war, Besprechungen leiten oder erleiden zu müssen. (PL)

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