ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: Oktober 2018

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ZOE vom 15.10.2018, Heft 04, Seite 117 - 118, ZOE1282214
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Die große Gereiztheit

Dr. Gerhard P. Krejci

Dr. Gerhard P. Krejci (GK), Organisationsberater, Trainer, Coach bei Simon, Weber & Friends

E-Mail: krejci@simon-weber.de

Bernhard Pörksen, Die große Gereiztheit, Wege aus der kollektiven Erregung, Hanser 2018, 256 Seiten, Euro 22

«Der Angriff auf die Idee des Wahrheitsmonopols ist die wortlose Zentralbotschaft der digitalen Zeit.»

Wir haben es mit einem gesellschaftlich höchst relevanten Buch zu tun, von dem jeder Leser nicht nur neues Wissen generiert, sondern darüber hinaus persönlich auch viel profitieren kann. Das liegt vor allem daran, dass der Autor ein aktu‐ZOE 04/2018 S. 118elles Thema ausgezeichnet aufbereitet. Generell fasst er seine Argumentation in fünf Schwerpunkten zusammen, die er als besondere Herausforderung im Umgang mit den neuen Medien sieht. Für diese Herausforderungen wählt er geschickt die zweiseitig verstandene Bezeichnung «Krise», die (nicht zuletzt im chinesischen Schriftzeichen) sowohl Risiko, als auch Chance meint. Konkret nennt er diese Themen Wahrheit, Diskurs, Autorität, Behaglichkeit und Reputation, die dieses Werk gliedern.

Das erste Kapitel (Wahrheitskrise) beschäftigt sich mit generellen Problemstellungen, die sich im Umgang mit den neuen Medien ergeben: Man weiß nie genau mit wem man es zu tun hat und ob erhaltene Informationen überhaupt korrekt sind. Die im zweiten Kapitel beschriebene Diskurskrise beschäftigt sich mit den Konsequenzen, die aus der Vielzahl der Akteure und deren Möglichkeit resultieren: alles nach eigenem Belieben zu verbreiten, dabei unerkannt zu agieren und anonym zu bleiben. Führungskräfte werden mit großem Interesse das dritte Kapitel lesen, das den regelmäßig drohenden Verlust von Autorität behandelt (Autoritätskrise). Die intensive Vernetzung führt dazu, dass alles gesehen und gelesen wird, was möglich ist. Man kann sich nicht mehr in die eigenen Komfortzonen zurückziehen und anderes ausblenden. Egal, ob man will oder nicht, man wird permanent mit anderen Lebenswelten konfrontiert und auf andere Wahrnehmungen der Wirklichkeit verwiesen. Der Autor nennt dies die «Behaglichkeitskrise». Der fünfte Abschnitt (Reputationskrise) behandelt die unerwünschten Auswirkungen der Veröffentlichung unbedachter Äußerungen oder Bilder in Internet. Nicht selten kann dies dazu führen, dass die Reputation einzelner Personen oder ganzer Organisationen auf lange Sicht beschädigt wird.

Pörksens Kritik richtet sich nicht gegen die Möglichkeiten der Technik, sondern fokussiert auf deren Umgang durch die Benutzer und hebt die soziale Verantwortung der einzelnen Akteure hervor. Seine Schlussfolgerung ist keine dystopische, sondern er plädiert für eine «Utopie einer redaktionellen Gesellschaft», zu deren Umsetzung er konkrete Vorschläge ausarbeitet.

Dieses Buch ist nicht nur gut geschrieben, sondern regt zum Umdenken an. An Hand zahlreicher Fallbeispiele werden die verschiedensten Problemstellungen anschaulich dargestellt und theoretische Erklärungen kommen darin ebenfalls nicht zu kurz.

Ich war und bin begeistert, daher kann ich meine uneingeschränkte Leseempfehlung dafür abgeben. (GK)

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