ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: Oktober 2018

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ZOE vom 15.10.2018, Heft 04, Seite 117, ZOE1282213
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Digital Work Design

Philipp Lüninghöner

Philipp Lüninghöner (PL), Organisationsberater, Kompetenzcenter Veränderungsmanagement Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

E-Mail: philipp_lueninghoener@yahoo.de

Isabell M. Welpe/Prisca Brosi/Tanja Schwarzmüller, Digital Work Design, Die Big Five für Arbeit, Führung und Organisation im digitalen Zeitalter, Campus 2018, 248 Seiten, Euro 34.95, E-Book inklusive

«Turning Risks into Chances»

Zu Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Wirtschaft liegen inzwischen zahlreiche Bücher vor – nur wenige dürften ein derart fundiertes Gesamtbild zeichnen wie «Digital Work Design», das aus einem Forschungsprojekt der Technischen Universität München entstanden ist. Ziel der Autorinnen war es, herauszufinden, wie sich Arbeit, Führung und Organisation in Unternehmen im Zusammenhang mit der digitalen Transformation verändern bzw. verändern müssen. Gerade die nichttechnischen Aspekte werden beleuchtet: Es gehe bei der Digitalisierung eben nicht (allein) um Technologie, sondern vor allem um eine neue Kultur, neue Geschäftsmodelle und neues Denken.

Was das heißt, haben die Forscherinnen in Experteninterviews, einer breit angelegten Befragung und durch Beobachtung des Arbeitsalltags vieler Berufstätiger untersucht und auf Konferenzen und Veranstaltungen mit Unternehmensvertreterinnen diskutiert. Aus den Ergebnissen haben sie ihre «Big Five» abgeleitet, also fünf große Überschriften für die wesentlichen Veränderungen von Arbeit, Führung und Organisation im digitalen Zeitalter. Zu jedem der Faktoren fassen sie zusätzlich die vorhandene Literatur zusammen, stellen Praxisbeispiele dar und geben konkrete Handlungsempfehlungen für Mitarbeitende, Führungskräfte und Organisationen.

In den einzelnen Kapiteln geht es um Ambidextrie und Lernen als Kompetenzen für den Umgang mit der VUKA-Welt; um Teamarbeit, die von Offenheit und Austausch geprägt ist; um demokratische, empowernde und partizipative Organisationen; um Beziehungen, Wertschätzung und Vernetzung; und um einen stärkeren Fokus auf gesundes Arbeiten, das Balance ermöglicht und Ressourcen stärkt. Dabei setzt die Abhandlung bewusste Schwerpunkte und ist damit nicht so breit und beliebig, wie die Überschriften zunächst befürchten lassen. Beim Thema Ambidextrie steht zum Beispiel im Vordergrund, wie Organisationen flexibler werden können, da die Autorinnen annehmen, «dass die meisten deutschen Unternehmen kein Problem mit Stabilität haben». In Sachen Teamarbeit wird der Akzent auf Bedingungen gelegt, die das Hervorbringen von Innovation fördern, aber auch auf die Besonderheiten virtueller Zusammenarbeit eingegangen. Das Kapitel zur Gesundheit beschäftigt sich nicht zuletzt mit den Chancen und Risiken orts- und zeitungebundenen Arbeitens.

Diese durchdachte und gut strukturierte Aufbereitung des Themas und die gelungene Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Praxisnähe sind es auch, die das Buch empfehlenswert machen. Die Aussagen sind sowohl durch Studien und eigene Daten als auch durch zahlreiche Beispiele belegt, welche Lösungswege Unternehmen für sich gefunden haben. So gelingt den Forscherinnen eine zugleich präzise, verständliche und nützliche Darstellung. Schön ist dabei auch, dass die Studie trotz des englischen Titels und des vermeintlichen Vorsprungs der amerikanischen New Economy vor allem noch wenig bekannte Beispiele aus Unternehmen der hiesigen Wirtschaft aufgreift.

Das Buch ist damit im besten Sinne empirisch fundiert und nah dran am gegenwärtigen Umbruch in der Arbeitswelt – und es macht Mut: Wo das vom Forschungsministerium geförderte Themenfeld noch «Chancen und Risiken der Digitalisierung» heißt, spricht das Projekt von «Turning Risks into Chances», will Freude an den notwendigen Veränderungen wecken und Wege aufzeigen, sie zu implementieren. In die Falle, eine Blaupause für die digitale Transformation anzubieten, tappen die Autorinnen dabei zum Glück nicht; sie vermitteln stattdessen «alles Wissen, das wir in den zwei Jahren unseres Forschungsprojekts gesammelt haben». Unternehmen seien dann erfolgreich, wenn sie ihren eigenen Weg fänden, um die «Big Five» zu adressieren. In Buchform kann man sich für diese Aufgabe derzeit kaum eine bessere Grundlage wünschen. (PL)

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