ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: Oktober 2018

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ZOE vom 15.10.2018, Heft 04, Seite 114 - 115, ZOE1282205
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp

Lothar Franz

Lothar Franz (LF), mitte consult Partner, Organisationsberater, Trainer und Coach, ausbildungsberechtigter Trainer für Gruppendynamik (DGGO)

E-Mail: franz@mitteconsult.com

Rudolph Wimmer/Ernst Domayer/Margit Oswald/Gudrun Vater, Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp, Springer Gabler 2017, 3. Aufl., 334 Seiten, Euro 49.99, E-Book: Euro 39.99

«Die Grenzziehung zwischen Familie und Unternehmen wird zwar besonders vom Gründer negiert, ist aber trotzdem da, und jeder weiß es. ...aber er darf es ... nicht zum Thema machen.»

Dieses Fachbuch ist inhaltlich deutlich umfangreicher, als es der Buchtitel vermuten lässt. Die Autorinnen bzw. Autoren skizzieren in einer klaren Sprache die Merkmale und Dynamiken von Familienunternehmen im Kontrast zu Nicht-Familienunternehmen (Publikumsgesellschaften). Sowohl betriebswirtschaftliche Aspekte der Refinanzierung (Basel II) als auch familientherapeutische Blickwinkel werden eingenommen. Sozial- und organisationspsychologische Überlegungen ergänzen wohltuend diesen interdisziplinären Ansatz.

Anfangs wird die Koevolution von Kleinfamilie und Unternehmen detailliert beschrieben. Die Verzahnung beider Systeme mit ihren unterschiedlichen und asynchronen (Entwicklungs-)Logiken ermöglicht einerseits die Erfolgsgeschichte von Familienunternehmen, andererseits birgt sie auch fatalerweise den Kern ihres (potenziellen) Scheiterns in sich. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die erfolgreichen Rezepte von gestern auch für die Zukunft gelten sollen. Inwieweit eine junge Nachfolgegeneration, die z. T. schon von klein auf in Richtung Betriebsübernahme sozialisiert worden ist, sich in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft selbstständig und frei entscheiden kann, zeigt die Bürde auf, für die Weiterführung eines Familienunternehmens Verantwortung zu übernehmen. Das Ganze wird noch dadurch getoppt, dass Gründer-Pioniere sich (oft) per se – mehr oder minder sublim – als Helden begreifen, denen auch die eigenen Kinder eigentlich nicht das Wasser reichen können. Die hier überlebensnotwendige Relativierung der bedeutenden Gründerleistung (seitens der Nachfolger/innen) provoziert narzisstische Kränkungen, die ggf. ein bis dato erfolgreiches Lebenswerk zerstören können. Bei ca. 150 Nachfolgeübernahmen am Tag (allein in Deutschland) kann die volkswirtschaftlich bedeutende Funktion dieses Wirtschaftszweiges nur dann erhalten bleiben, wenn die Nahtstellen zwischen Familien und ihren Unternehmen professionell gehandhabt werden. Neben (system-)theoretischen Erläuterungen und beraterischen Überlegungen zeigen praktische Erfahrungsberichte – in z. T. tagebuchähnlichen Selbstbeschreibungen – die paradox erscheinende Alltagswelt der in ihr gefangenen Akteure auf.

Die Autoren geben keine Patentrezepte, sondern bieten eine Landkarte für ZOE 04/2018 S. 115dieses unüberschaubare Gelände, das sich aufgrund vielfältiger Dynamiken auch sehr schnell und unerwartet ändern kann. Die erste Auflage dieses Buches erschien vor über 20 Jahren. Die aktuelle dritte Auflage ist ein elaboriertes Update, das sowohl historische Bezüge aufweist, wie bspw. zur lernenden Organisation (P. M. Senge in: The fifth Discipline, 1990), als auch die aktuelle Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft sachkundig integriert. Die vielfältigen Zugänge zum Thema Familienunternehmen mit Vergleichen zu anderen Organisationsformen (Publikumsgesellschaften, Start-ups) bieten allen Leser/innen eine spannende Lektüre, die sich grundsätzlich für die Themen Führung, Organisation, Coaching und Veränderung interessieren. Allein die Beschreibung familiärer unausgesprochener «Konsensunterstellungen» und seines gefährlichen Zwillings «Kommunikationsverknappung» entspricht Phänomenen, die in allen Arbeitswelten angetroffen werden können. Sehr sympathisch ist der Hinweis der Autoren, sich nicht primär «am modischen Vokabular der letzten Jahre (zu) orientieren». So bleibt den fachkundigen Leser/innen der x-te Verweis auf die VUCA-Welt erspart. (LF)

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