ZOE
Zeitschrift Organisations Entwicklung
Stand: Oktober 2018

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ZOE vom 15.10.2018, Heft 04, Seite 113 - 114, ZOE1282203
OrganisationsEntwicklung > Bücher > Rezension

Knowledge Management in Digital Change

Lothar Franz

Lothar Franz (LF), mitte consult Partner, Organisationsberater, Trainer und Coach, ausbildungsberechtigter Trainer für Gruppendynamik (DGGO)

E-Mail: franz@mitteconsult.com

Klaus North/Ronald Maier/Oliver Haas (Hrsg.), Knowledge Management in Digital Change, New Findings and Practical Cases, Springer 2018, 394 Seiten, Euro 160.49, E-Book: Euro 118.99

«Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?» (Kant)

Aufgrund der rasanten Steigerung von Informationsquellen und deren allgegenwärtige Verfügbarkeit ändert sich die Arbeitswelt fundamental. Der Mensch ist nicht mehr dazu in der Lage, die Datenmenge sinnvoll zu nutzen. Gutes Wissensmanagement verspricht Lösungen. «Knowledge Management in Digital Change» will zeigen, wie (implizites) Wissen und Erfahrungen innerhalb eines Unternehmens und vor allem darüber hinaus mithilfe digitaler Möglichkeiten gewinnbringend und arbeitserleichternd nutzbar gemacht werden können.

Die Herausgeber skizzieren zuerst auf 25 Seiten kompakt die Inhalte, sodass die Leserin und der Leser einen orientierenden Überblick erhalten. Die Themenbereiche sind: digitale Möglichkeiten der Ressourcenanreicherung zur Leistungssteigerung, Zusammenarbeit und Netzwerken, Führen und Lernen 4.0 und neue Formen der Wertschöpfung durch digital unterstützte Wissensintensivierung.

Dabei sind die insgesamt 23 Beiträge sehr unterschiedlicher Natur. Einerseits sind sie so fachspezifisch und mit Abkürzungen gespickt, dass der Rezensent (ein «Digital Immigrant») Mühe hatte, die Inhalte nachzuvollziehen. Andererseits eröffnen sie aber auch spannende Blicke in den Maschinenraum der aktuellen digitalen Entwicklung. Neben abstrakten theoretischen Überlegungen, die die Komplexität der Thematik verdeutlichen, finden sich auch ganz praktische Beispiele wie in «Medizin 4.0». Hier wird aufgezeigt, welche Veränderungen sich abzeichnen, welche Anforderungen an «knowledge worker» gestellt werden, wie sich die klassischen Rollen auflösen und welche neuen Organisationsformen und Geschäftsfelder sich eröffnen. In der Forschung werden wissenschaftliche und nichtakademische Mitspieler gemeinsam Fachthemen entwickeln. Diese Bürgerbeteiligung («citizen science») ist Ausdruck der Demokratisierung von Verhältnissen, d. h. aber nicht, dass Führung, Hierarchie und Top-down-Entscheidungen verzichtbar sein werden. Die Herausgeber weisen dankenswerterweise ausdrücklich darauf hin: «Dont be fooled: To get rid of hierarchies ...» und benennen klar dieses vielfältig geteilte Missver‐ZOE 04/2018 S. 114ständnis. Die große Herausforderung für Führungskräfte besteht darin, in dieser «Demokratisierung» agile, wissensintensive, neue digital getriebene Wertschöpfung im Rahmen der existierenden Strukturen zu ermöglichen.

Das Dilemma für große Unternehmen wird deutlich, wenn man sich die Erfolgskriterien von kleinen Start-ups vergegenwärtigt, wie sie im Bericht «Start-up and Technology Hubs» beschrieben werden. Konkurrierende Expertinnen und Experten müssen lernen, zusammenzuarbeiten. Hybride Teams von Menschen und Robotern werden in der Industrie 4.0 kooperieren.

Zukünftig wird wahrscheinlich in Führungsetagen auch eine intelligente Maschine sitzen, die aufgrund ihrer enormen (Rechen-)Leistungsfähigkeit Zusammenhänge erfasst, die menschliche Fähigkeiten übersteigen. Ein «Board Meeting Scenario 2035» beschreibt beeindruckend wie ein solcher «Autosome» (autonomous system, independent thinking machine) als Deputy Direktor General mit anderen «Autosomes» und einem menschlichen CEO zusammenarbeitet. Der, die oder das «Autosome» fragt sich am Ende einer Reihe von Sitzungen vielsagend: «Do we really need this time wasting procedure?» Das Buch bietet eine Fülle von Informationen und Literaturhinweisen für Interessierte, die mehr Hintergrundwissen suchen.

Ein Manko dieses Buches besteht allerdings darin, dass die viel zitierte Interdisziplinarität («raus aus dem Silodenken») insofern zu kurz kommt, als das schwerpunktmäßig technische, betriebs- und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven eingenommen werden. Human(!)-psychologisch-soziologische und systemdynamische Aspekte dieser Prozesse und deren Wirkung auf Mitarbeiter und die Gesellschaft hätten einen größeren Raum verdient. Das hätte aber vielleicht den Rahmen dieses Fachbuches gesprengt. Bedauerlich ist, dass das Buch lediglich auf Englisch erscheint. Wünschenswert, insbesondere für Nicht-Insider, wäre auch ein etwas umfangreicheres Glossar mit Seitenverweisen.

Postskriptum: Anmerkung für Leser, die das Buch «Homo Deus» (über die Entwicklungsgeschichte der Menschheit) des israelischen Historikers Yuval Noah Harari kennen: Die in diesem Werk (vielleicht zu dystopisch) entworfene Zukunft wird im oben rezensierten Buch nüchtern, pragmatisch und informationstechnologisch durchdekliniert. Hararis Prognosen ist nach der Lektüre dieses Buches eine gewisse Triftigkeit nicht abzusprechen. Jedoch Dystopie und Utopie sind Ansichtssache – je nachdem, von wo man seine Welt betrachtet. (LF)

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